| |
Zum Gedenken an den 75. Geburtstag von Hans Rosenthal
In der Berliner
Tageszeitung "Der Tagesspiegel" erschien am 02. April 2000 ein Artikel
des
Autors Andreas Austilat zum 75. Geburtstages von Hans Rosenthal.
Mit der freundlichen
Einwilligung des Tagesspiegels, dürfen wir diesen Artikel auf unserer
Seite wiedergeben.
Das Mündel
Heute wäre der
Berliner Quizmaster Hans Rosenthal 75 Jahre alt geworden.
Lange
verschollene Akten ergänzen die Geschichte seines Lebens
Der Junge war
17 und ein bisschen sauer. Sie hatten ihn erwischt, wie er sich heimlich
aus dem Heim schlich, sie hatten ihn getadelt, weil seine Kleidung nicht
so war, wie sie hätte sein sollen. Und, so glaubte er wenigstens, sie
verstanden nicht, dass er frei sein wollte. Dafür wurde er nun bestraft.
Er sollte weg, in ein anderes Heim, sollte getrennt werden vom kleinen
Bruder, "der so sehr an mir hängt", seit die Eltern gestorben waren. Und
bekennen sollte er sie auch noch, "seine kleine Dummheit", in einem
eigens zu verfassenden Lebenslauf. Den schrieb er in seiner ein wenig
ungelenken Kinderschrift und beendete ihn mit dem Satz "Nun bin ich hier
und mein Lebenslauf ist beendet."
Das Blatt ist
nicht datiert und die Handschrift sieht aus, wie jugendliche
Handschriften eben so aussehen. Da spielt einer gerne Fußball, überlegt,
ob er nun Schlosser oder Tischler werden soll. Die 32 Zeilen sind
traurig, aber eigentlich auch nicht trauriger als die Geschichte anderer
Waisen. Ungewöhnlich ist höchsten, dass sich da ein 17-jähriger Gedanken
über den Zionismus macht: Den hat er erst in dem Lausitz-Dörfchen Jessen
"als erst zu nehmende Bewegung" kennen gelernt. Und dabei festgestellt,
dass jeder zweite Jude Schlosser oder Tischler werden wolle. Weshalb es
doch eigentlich ziemlich überflüssig wäre, wenn er nun auch Schlosser
oder Tischler würde.
Er tat weder
das eine noch das andere. Er wurde Quizmaster und schrieb
Fernsehgeschichte. Er sollte sich einmal Sendungen ausdenken, wie "Rate
mal mit Rosenthal" oder "Allein gegen alle". Er sollte "Dalli Dalli"
rufen und "Das ist Spitze", dazu würde er mit ausgestrecktem Zeigefinger
in die Luft springen und lachen. Aber das konnte der 17-jährige Hans
Rosenthal natürlich nicht wissen, nicht einmal ahnen – selbst wenn ein
ehemaliger Klassenkamerad sich heute erinnert, dass die Radio- und
Fernsehkarriere so abwegig nicht war, "irgendwie konsequent", schon der
junge Hans stand gern im Mittelpunkt und ergriff immer die Initiative.
Als Hans
Rosenthal im August 1942 seinen ersten Lebenslauf verfasste, gab es noch
kein Fernsehen. Radio gab es schon, nur nicht für Juden. Seit dem 23.
September 1939 durften sie in Deutschland nicht einmal mehr einen
Radioapparat besitzen. Aber selbst wenn, ein jüdischer Waisenjunge hatte
im Berlin des Jahres 42 keine Zukunft mehr. Und Sätze wie "…mein
Lebenslauf ist beendet" hatten in diesem Sommer einen Klang als zu
anderen Zeiten.
Nur die Bewag
grüßt "Heil Hitler"
Der Lebenslauf
trägt die Seitenzahl 85, ist Teil einer über 200 Blatt starken Akte. "No
1725" steht auf dem Deckel, "Sammelvormundschaft der jüdischen Gemeinde
zu Berlin". "No 1725" ist eine von 106 erhalten jüdischen
Vormundschaftsakten aus der Zeit des Holocaust, es ist die Akte der
Brüder Gert und Hans Rosenthal: ein Ordner voll mit Notizen, Rechnungen,
Belegen, Briefen und Berichten. Nicht viele jüdische Quellen haben den
Holocaust überdauert. Diese lag bis 1996 unbeachtet im ehemaligen
Staatsarchiv der DDR in Coswig. Wenn am 8. Mai die Ausstellung "Juden in
Berlin 1938 bis 1945" im Centrum Judiacum eröffnet, werden Dokumente aus
dieser Akte neben Erinnerungen aus dem Nachlass Rosenthals wichtige
Quellen zu Rekonstruktion jüdischen Lebens sein.
Einem David
Irving, der derzeit vor einem Londoner Gericht um seine Reputation als
Historiker streitet, wäre eine Akte wie die der Rosenthals vielleicht
Beleg, dass der Holocaust so gar nicht stattgefunden hat. Denn von
Enteignung, Vertreibung oder gar Mord ist nie die Rede. Im Gegenteil,
die Akte scheint die reibungslose Zusammenarbeit jüdischer
Wohlfahrtseinrichtungen und staatlicher Stellen zu bezeugen. Bei
oberflächlicher Lektüre könnte man sogar von einem vernünftigen
Miteinander sprechen: Jüdische Einrichtungen setzen die Interessen ihrer
Zöglinge durch, Renten, Lebensmittelkarten, Zuzugsbescheinigungen werden
beantragt und gewährt. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, inzwischen
zur "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" umgetauft, werden in
den Akten im Zeichen des Naziadlers als "sehr geehrte Herren" angeredet
und mit "Hochachtungsvoll" verabschiedet. Nur der Bewag rutscht mal ein
"Heil Hitler" raus, als sie ihre Stromlieferung abrechnen will. Alle
Beteiligten bedienen sich einer Sprache, die jeden Verdacht auf das
ungeheure, undenkbare Verbrechen zu zerstreuen scheint. Und doch fügt
sich dieses Aktenbündel in ein Puzzle, an dessen Ende ein ganz anderes
Bild steht.
Nicht, dass
das Schicksal der Rosenthals unbekannt gewesen wäre. Hans Rosenthal
selbst hat es in einer Autobiografie beschrieben. Aber die "Dalli, Dalli"
- Präsenz hat dieses erste Leben – wie er es selbst nannte –
irgendwie überstrahlt. Das heißt, einige meinten, Bescheid zu wissen.
Zum Beispiel jene, die bei Auftritten von Tennis Borussia immer
"Judenverein" riefen, jenem Verein, bei dem sich Rosenthal als
Vorsitzender engagiert hatte. Gelegentlich wird heute noch gerufen, 13
Jahre nach dem Tod Rosenthals, der am 2. April 75 Jahre alt geworden
wäre.
"Ich, Hans Rosenthal, bin
am 2.4.25 geboren", schrieb der 17-jährige. "Meine Kindheit verlief bis
zum 6. Lebensjahr normal. Ich besuchte dann die Volksschule. Nachdem ich
die Schule vier Jahre besucht hatte, wurde ich auf die jüdische
Mittelschule umgeschult." Da verlief sein Leben schon nicht mehr normal.
Es war nämlich keineswegs ausgemacht gewesen, dass er die jüdische
Mittelschule in der Großen Hamburger Straße besuchen sollte. Abitur
würde er dort zum Beispiel nicht machen können. Trotzdem war es 1935 in
der jüdischen Mittelschule schon ziemlich eng geworden. In der Große
Hamburger Straße kamen Schüler aus ganz Berlin, unter ihnen auch ein
Klassenkamerad und Namensvetter: Hans Alfred Rosenthal. Der erinnert
sich an die Umschulung wie an eine Befreiung, "endlich hörten die
Hänseleien und Drangsalierungen durch Mitschüler und Lehrer auf". Andere
litten darunter, aus der bisherigen Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein.
Auch für den kleinen Gert
Rosenthal war 1935 nichts mehr normal. Ein Jahr zuvor war er an spinaler
Kinderlähmung erkrankt und im Virchow-Krankenhaus geheilt worden.
Seitdem war er mit seiner Mutter immer zur Blutspende gekommen, die
Ärzte gewannen aus seinem Blut ein Serum gegen Kinderlähmung – bis 1935,
bis zu den Nürnberger Rassegesetzen. Nun war das Blut des Dreijährigen
nicht mehr gefragt.
"Mit 13 Jahren verlor ich
meinen Vater. Er war mir in jeder Beziehung insbesondere in
Schulangelegenheiten, ein Mensch, der mich auf meine Pflicht hinwies."
Was Rosenthal in seinem
Lebenslauf nicht schreibt, ist, dass der Vater in seinem Todesjahr – er
stirbt 1937 an Nierenversagen – die Arbeit verloren hat: 1937 glaubt die
Deutsche Bank, den jüdischen Angestellten nicht mehr halten zu können.
Immerhin, man bietet ihm eine Stelle in Kairo an – die Chance zur
Emigration. Knapp 40 000 der ursprünglich 160 000 Berliner Juden haben
sich zu diesem Zeitpunkt schon zur flucht entschlossen. Jüdische
Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer, Polizisten dürfen ihre Arbeit nicht mehr
oder nur noch unter Auflagen ausüben. Juden dürfen keine Buchhandlungen
mehr führen und keine Verlage, sie dürfen keine Schwimmbäder mehr
betreten und Ende 1937 werden die ersten Parkbänke mit der Aufschrift
"Für Juden verboten" aufgestellt. In den Akten der Jüdischen
Sammelvormundschaft mehren sich die Fälle mittelloser Kinder aus Ehen,
die unter Druck von Ausbürgerungen und Rassegesetzten zerbrechen. Die
Rosenthals wandern nicht aus, aber Hans bereitet sich im Lager Jessen
auf eine Zukunft in Palästina vor.
"Gert R. ist sehr
schwächlich, wiegt 36 Pfund", heißt es in einem Bericht der Jüdischen
Wohlfahrts- und Jugendpflegestelle 1939. Die Mutter ist krebskrank, die
Großeltern Isaak leben im selben Haushalt und erhalten keine
Unterstützung mehr. Geld für den Hort ist nicht da. 1941 stirbt die
Mutter an Darmkrebs. "Ich gab dadurch ungerne meine Landarbeit auf und
zog nach Berlin zu meinem Bruder ins Waisenhaus", schreibt der Junge für
die Akten. Nun sind die beiden Kinder ein Fall für die Jüdische
Sammelvormundschaft. Die städtische Fürsorge ist für Juden schon seit
zwei Jahren nicht mehr zuständig. Geld für ihre notleidenden Mitglieder
muss die "Reichsvereinigung der Juden" selbst aufbringen. Und noch etwas
hat sich verändert: Die beiden Jungen werden fortan nur noch mit den
Zwangsnamen Hans Israel und Gert Israel Rosenthal abgeschrieben.
Ihr Vormund, Fritz Israel
Lamm, hat zu diesem Zeitpunkt einige 100 Mündel. Er hilft bei der
Auflösung der elterlichen Wohnung, schreibt an den Onkel Ernst
Rosenthal, wo der Erlös aus dem Verkauf der Möbel abgeblieben sei. Die
Tante antwortet, "dass mein Mann immer noch abwesend ist, und ich Ihnen
wirklich keine genaue Aufstellung der Sachen machen kann". "Abwesend"
bedeutet: Onkel Ernst ist inzwischen im Konzentrationslager
Sachsenhausen. Er hatte sich geweigert, den Judenstern zu tragen und
damit gegen die Polizeiverordnung verstoßen. Drei Wochen später wird
Ella Rosenthal die Nachricht erhalten, dass Onkel Ernst in Sachsenhausen
an Herzversagen verstorben sei.
Fritz Lamm beantragt
Waisenrente für seine Mündel beim "Beamtenversicherungsverein des
deutschen Bank- und Bankiergewerbes zu Berlin", der Versicherung des
Vaters. 204,04 Mark im Vierteljahr werden bewilligt, "diesen Betrag
werden wir auftragsgemäß überweisen, nachdem uns eine polizeilich
beglaubigte Bescheinigung eingereicht ist, dass ihre Mündel noch am
Leben sind", heißt es im Antwortschreiben. Eine Formalie. Oder vermutet
man, dass die Rente bald entfällt? Das Schreiben ist am 28. Juni 1942
eingegangen. Zwei Tage vorher hat ein Osttransport mit 202 Juden die
Stadt verlassen. Es ist der 17. seit Beginn der Deportationen am 18.
Oktober 1941. Ziel sind die Konzentrationslager Majdanek und Sobibor. Am
11. Juli 1942 wird der nächst Transport abgehen, der erste nach
Auschwitz. Inzwischen sind rund 12 000 Berliner Juden deportiert, 50 000
leben noch in der Stadt. Hans Rosenthal bereitet sich schon lange nicht
mehr auf eine Zukunft in Palästina vor. Das Lager Jessen ist
geschlossen, seit Oktober 1941 besteht Emigrationsverbot.
Das Jugendschutzgesetz ist
für Juden seit Dezember 1941 aufgehoben. Hans ist Zwangsarbeiter, wie
die anderen 16-jährigen im Heim auch. Die meisten fangen in Borsigwalde
an, bei de Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik. Nach dem Krieg wird
die Firma ihr Kürzel DWM beibehalten und Deutsch Waggon- und
Maschinenfabrik heißen, heute gehört sie zu Adtranz. Hans vermittelt das
jüdische Arbeitsamt in die Blechschneiderei Alfred Hanne in Weißensee.
Dort arbeitet er für 35 Pfennige die Stunde. Als Erwachsener wird er
eine Entschädigung erhalten, sein Stundenlohn dadurch nachträglich auf
72 Pfennige erhöht.
Im Jüdischen Kinderheim
ist der Zögling renitent. Sein Erzieher Süßmann beklagt sich in einem
Bericht für die Vormundschaftsakte, dass die Jungen das Tragen des
Judensterns missachten, dass Rosenthal versucht, sich heimlich mit
Freunden zu treffen, dass er sich mit Mädchen schreibt. Man fürchtet
Ärger mit den Behörden, "es ist daher durchaus notwendig, um unser Heim
nicht zu gefährden, den Jungen in eine kleinere Gemeinschaft zu geben".
Rosenthal wird von seinem Bruder getrennt, muss das Auerbach'sche
Waisenhaus verlassen und wird in das Jüdische Jugendwohnheim in der
Rosenstraße 2-4 eingewiesen. Zum Einstand schreibt er besagten
Lebenslauf.
In seiner Biografie wird
sich Rosenthal über den strengen Erzieher beklagen, aber eines wird er
ihm zugute halten: Als die Kinder abgeholt werden, wird sie Süßmann
nicht im Stich lassen. Er wird sie auf die Reise Richtung Osten
begleiten, freiwillig. Auch die Kinder im Auerbach'schen Waisenhaus
wissen von dem bevorstehenden Transport. Gert kauft von seinen
Ersparnissen 50 Postkarten. Der Zehnjährige adressiert die Karten vor
und will seinem Bruder alle zwei Tage eine schicken.
Keine kommt an.
Stattdessen finden sich in der Vormundschaftsakte Briefe Fritz Lamms an
die Reichsversicherungsanstalt und an den Beamtenversicherungsverein:
"Hierdurch teile ich Ihnen mit, dass mein Mündel Gert Israel Rosenthal,
geb. am 26.7.32, in diesem Monat abgewandert ist. Sein Bruder Hans
Israel ist noch hier." Und noch ein Schreiben muss er auf den Weg
bringen: "Das Vermögen des Gert Israel", es handelt sich um ererbte
Pfandbriefe im Wert von 1000 Mark, "muss aufgrund der 11. Verordnung zum
Reisbürgergesetz dem Herrn Oberfinanzpräsidenten - Vermögens -
Verwertungs - Außenstelle Berlin N.W. Alt Moabit 143 – gemeldet werden".
Von Vertreibung ist keine Rede, von Mord auch nicht, es wird lediglich "abgewandert". Aber alle wissen: Rente fällt nicht mehr an, Vermögen
geht in die Verwertungsstelle. Der zehnjährige Gert ist derweil mit dem
21. Osttransport auf dem Weg nach Riga. Dort verliert sich seine Spur.
Was aber ist mit Hans? Das
Amtsgericht fragt die Jüdische Sammelvormundschaft und muss sich erst
einmal einen neuen Ansprechpartner suchen: Fritz Israel Lamm ist
"behindert", wie es in einer weiteren Notiz heißt. "Behindert" meint
verhindert und bedeutet: Fritz Lamm ist von der Gestapo erschossen
worden – als Geisel für 20 Angestellte der Jüdischen Gemeinde, die
untertauchen, als auch sie für den Zug nach Riga ausgewählt werden.
Hans hat Glück. Als das
Jugendwohnheim Rosenstraße im Dezember 1942 nach Auschwitz geschickt
wird, ist er auf Montage in Pommern. Dort befindet sich das Außenlager
der Blechfabrik Hanne. Versehentlich wird auch er als "abgewandert"
gemeldet, taucht wieder auf und soll bei einem Fräulein Lewy
einquartiert werden. Bevor er dort einziehen kann, muss auch das
Fräulein Lewy "abwandern".
"Wo ist Hans?", will
schließlich der Bezirksbürgermeister Prenzlauer Berg in einem Schreiben
an die Jüdische Vormundschaft wissen. dort hat man inzwischen einen
neuen Vormund bestimmt, aber bevor der die Sache klären kann, ist auch
er "zur Abwanderung gelangt". Wieder wird ein neuer Vormund bestellt,
aber der betreibt die Sache nicht mehr besonders energisch. Einmal noch
fragt er in Pommern an, aber im Arbeitslager hat man keine Überblick
mehr. "Es wird angenommen", heißt es in der Antwort der Firma Hanne, "dass R. ebenso wie andere dort beschäftigte jüdische Arbeitnehmer im
Zuge der Abwanderung von der Stapo erfasst wurde". Der Vormund übergibt
die Vermögenswerte dem Oberfinanzpräsidenten und schließt die Akte. Über
35 000 Berliner Juden werden bis 1945 in die Vernichtungslage im Osten
deportiert, weitere knapp 15 000 nach Theresienstadt.
Flucht in den Untergrund
Hans ist immer noch in
Berlin. Als im Zuge der "Fabrikation" Ende Februar 43 die jüdischen
Zwangsarbeiter deportiert werden, war das für ihn das Signal, in den
Untergrund zu gehen. Er hat eine christlich Großmutter. Sie kann ihm
nicht helfen, aber sie vermittelt ihn an eine ältere Dame, die ihn in
ihrer Laube in Lichtenberg versteckt. Dort wird sich Hans zwei Jahre
verbergen. Die einzigen Momente der Freiheit sind die Luftangriffe: "Wenn die Piloten da oben wüssten, wie sie mich erfreuen", schreibt er
in seiner Autobiografie. Nur, wenn die Bomben fallen und sich keiner
mehr nach draußen traut, wagt er’s ich auf die Straße. In der Laube hört
er heimlich ein selbstgebasteltes Radio ab und markiert das Vorrücken
der Alliierten mit blauen und roten Fähnchen.
Er muss erleben, wie seine
Beschützerin stirbt und hat das Glück, eine andere zu finden, die ihn
versteckt. Schließlich wissen zehn Leute von seinem Geheimnis, und jeder
könnte ihn ans Messer liefern. Aber keiner tut es. Im Gegenteil, jetzt,
wo der "Endsieg" ausgeschlossen scheint, sieht ihn offenbar manch einer
als eine Art Rückversicherung, glaubt sogar, der kleine Hans könne sie
vor den alliierten Bomben schützen.
Am Ende tritt er den
sowjetischen Soldaten mit dem gelben Stern am Jackett entgegen und kommt
dabei fast um. Die Rotarmisten haben Majdanek befreit und erlebt, wie
SS-Wachen mit dem Judenstern am Revers zu entweichen versuchten. Jetzt
wollen sie Rache nehmen.
Ein Offizier tritt
dazwischen und fordert Rosenthal auf, das jüdische Glaubensbekenntnis
aufzusagen: "Schma Jisroel, Adonaj Elauhenu, Adonaj echod – Höre,
Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig", antwortet er.
Hans Rosenthal darf den
Stern abnehmen.
von Andreas Austilat
02. April 2000
Der
Tagesspiegel
|